29.08.2008

Ultratrail Mont Blanc

In den französischen Hochalpen einmal gegen den Uhrzeigersinn rund um den Mont Blanc auf einer Höhe zwischen 1000 und 2500 m über dem Meer, fand ich ziemlich cool.

von JÜRGEN HEILBOCK In den französischen Hochalpen einmal gegen den Uhrzeigersinn rund um den Mont Blanc auf einer Höhe zwischen 1000 und 2500 m über dem Meer, fand ich ziemlich cool. Schlappe 166 km mit 9400 Höhenmetern bergauf und 9400 bergab, von Chamonix (Frankreich) über Courmayeur (Italien) über Champex-Lac (Schweiz) wieder nach Chamonix bei einem Zeitlimit von 44 Stunden (3,8 km pro Stunde sind machbar, oder?). 2300 Teilnehmern aus mehr als 60 Ländern mit superprofessionellen fast 20 Verpflegungsstellen. Gelaufen wird mit Rucksack und Minimumausrüstung für den Notfall im Hochgebirge, die auch bei der Startnummernausgabe überprüft wird. Beim Start am Freitag den 29. August 2008 um 18:30 war ich überrascht, dass rund ¾ der Teilnehmer mit Walking-Stöcken am Start waren – was wollte mir das Schicksal sagen? Nach allerlei Reden und einpeitschender Musik ging es zügig los, ein bisschen im Tal entlang und dann ab in den Wald, immer schön bergauf – zum warm Laufen, nach 2 Stunden hatten wir irgendeinen kleinen Berg bezwungen und mit ca. 20% Gefälle ging es bergab. Meine französischen Brüder und Schwestern stürzten sich den Berg hinab, als ob sie fliegen könnten. Mein bescheidener Versuch nicht den Anschluß zu verlieren ließ meine Oberschenkel in Flammen aufgehen, ein stechender Schmerz der mich für den Rest des Laufs bergab nicht mehr verließ, weswegen ich die Abgänge nun immer gemächlich anging, Betonung liegt auf Gehen. Ziemlich locker ging es nun durch alle möglichen Bergdörfer, in jeder war ein Volksfest für uns, super Stimmung bis spät in die Nacht, toll! Nach Mitternacht wurde es einsam und wir stiegen in Wellen immer weiter bergauf, die Orte hatten wir hinter uns gelassen, sternklarer Himmel ohne irgendeinen Lichteinfall. Nach 6 Stunden xy Minuten hatte ich den ersten der 4 Marathon hinter mich gebracht, außer bergab laufen war ich fit. In den frühen Morgenstunden hatten wir dann auf irgendeinem Schmugglerpfad Italien erreicht und irgendjemand flüsterte mir nach einem langen Anstieg zu, dass ich nun auf Position 286 läge – meine beste Position auf der gesamten Reise, obwohl mir aus Unachtsamkeit das Wasser ziemlich knapp geworden war. Mit dem ersten Sonnenlicht erwachten auch neue Kräfte und ich brachte in Courmayeur nach 7 Stunden den zweiten Marathon quasi am Samstag morgen zum Frühstück zu Ende. Hier konnte man (1)Duschen, (2)Klamotten wechseln, (3)Nudeln essen und sich auf ein (4)Feldbett werfen. Mir genügten Nr. 2 und 3 zum glücklich sein – bei frischen Socken spürt man die vielen Blasen nicht so sehr - und ich begab mich auf den dritten Marathon, der wurde bretthart: in den nächsten 8 Stunden schaffte ich in der Mittagshitze nur 24 km in einer menschenarmen Steinwüste obwohl ich kämpfte wie selten zuvor in meinem Leben. Mittags hatte ich den letzten Anstieg auf den höchsten Berg, den Grand Col Ferret mit 2550 MüdM erreicht, um 14:00 Uhr war ich oben, mehr tot als lebendig auf Position 389. Theoretisch waren es jetzt 18 km wellig bergab bis zum Abschluß des dritten Marathon in Champex (Schweiz). Offensichtlich konnte ich mich etwas erholen und ich brauchte nur 3 Stunden für die 18-km-Strecke. Mental hatte ich mir den Aufenthalt in Champex bei km 120 immer wieder vorgestellt – der psychische Tiefpunkt mit großer Verführung zum Aufgeben. Also lief alles nach meinem vorgefertigten Plan: ein Krug Kaffee, ein Krug Cola, meine indessen heißgeliebte Nudelsuppe, Nudeln mit Tomatensoße, 10 Scheiben Käse, Trinkblase auffüllen, dann Umziehen (die Füße sahen gar nicht so schlimm aus, warum taten sie bloß so weh?), Toilette und zack war ich fertig den 4 Marathon in Angriff zu nehmen. Gemütlich ging ich am Samstag abend mit dem letzten Tageslicht pfeifend aus dem Ort – an Laufen war nicht mehr zu denken und ich hoffte, dass die 11 Stunden für den letzten dritten Marathon ein einmaliges negatives Ergebnis blieben. Ein fröhlicher Engländer mit Erfahrung auf der Strecke schwärmte vor dem nächsten und letzten echten Berg: Bovine. Es wurde der blanke Horror, die nächsten zwei Stunden kletterte ich mit meiner kleiner Stirnlampe und Taschenlampe auf allen Vieren über Steine so groß wie Autos, alle 50 m eine Wegmarkierung, dazwischen eine Vielzahl von wilden Bergbächen. Mir wurde klar, wie hilfreich hier die Walkingstöcke zum balancieren sind, aber ich bin Läufer und kein Bergsteiger. Zum Glück lief ich ohne Brustgurt, die Herzfrequenz ging mir ohnehin durch die Schädeldecke, die Zahlen woltle ich gar nicht wissen. Witzigerweise habe ich nochmals 40 Leute überholt, bergauf war bei mir also wohl noch alles intakt. Oben ging es auf einer Hochebene weiter und wir wurden mit einem genialen Blick auf das nächtliche hell erleuchtete Martigny für manches entschädigt. Offensichtlich waren wir also wieder in einer bewohnten Gegend angekommen und stiegen immer wieder bis zum Morgen zu kleinen Orten hinab um uns zu verpflegen. Um 3:50 war ich in Vallorcine, der letzten echten Verpflegungsstelle vor dem Ziel in 18 km in Chamonix. Während einige apathische Läufer den Rest der zweiten Nacht nun lieber dösend unter einem Heizpilz verbringen wollten, machte ich mich mit einer kleineren Gruppe auf den Weg. Einer der Läufer schwärmte vom sauberen Ausrollen auf den letzten km bis er feststellte, dass wir erstmalig in diesem Jahr eine neue Strecke liefen und wir uns nochmals auf einen langen Aufstieg machten: la Tete au Vent heißt nicht nicht nur so, sondern war das Grauen, 3 Stunden kämpfte ich mich mühsam teilweise senkrechte Anstiege herauf – überall saßen verzweifelte Läufer, die mit dem Atmen oder der Herzfrequenz kämpften. Oben war es sehr windig, sehr kalt und sehr einsam, kaum jemand sprach noch, die vielen Läuferwitze waren verstorben und die Kontrollstelle hatte keine Verpflegung und wieder wurde das Wasser knapp. Also noch eine Stunde bis zur letzten Anhöhe vor Chamonix, einem Berghotel du die letzte Verpflegungsstelle. Also runter mit der Nudelsuppe und weiter die letzten 6,9 km auf Serpentinen runter nach Chamonix, 14 Stunden für den vierten Marathon ist einsamer Negativrekord bei mir. Am Ortsrand angekommen, richtete ich mich auf und joggte nach 39 Stunden Laufen, Joggen, Gehen, Klettern gemütlich durchs Ziel. Bis ich wieder im Hotelzimmer war und ein Auge zubekam war ich 55 Stunden ohne Schlaf gewesen. Links:
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