03.06.2022

How (not) to Triathlon für Radsportler:innen

Ulrike Glaser hätte vor nicht allzu langer Zeit niemals gedacht, dass sie mal schwimmt, Fahrrad fährt, läuft und das alles hintereinander. Hier berichtet sie über Motivation, Wettkämpfe und den Teamgedanken.

Ulrike Glaser vor Ihrem ersten Triathlon.

Kurzer Rückblick: Hätte mir vor gut einem Jahr jemand gesagt, dass ich inzwischen neben dem Radtraining routiniert einmal pro Woche Intervalle im Stadion laufen würde und regelmäßig gegen 5.30 Uhr aufstehe, um Schwimmen zu gehen - kurzum, dass ich Triathlon machen würde - hätte ich wohl nur laut gelacht. Doch ein beruflicher Wechsel, eine Pandemie und einige glückliche Schicksalsfügungen führten mich nach acht Jahren Lizenzradsport im Spätsommer des letzten Jahres zur Triathlon-Abteilung der Eintracht. Schnell war ich im Verein angekommen und im Herbst begannen wir mit der Planung, im kommenden Jahr mit mindestens einem Frauenteam in der 2. Hessenliga an den Start zu gehen. Ich glaube, sowohl Radsport als auch Triathlon wird von der Gegenseite jeweils für egomanischen Einzelsport gehalten. Dass dieses Vorurteil für beide Seiten falsch ist, lernte auch ich, als ich mich mit Liga-Wettkämpfen im Triathlon beschäftigte. Hier absolviert zwar (meist) jede(r) den Wettkampf für sich, aber am Ende zählt nur das Teamergebnis. Dieser Teamgedanke begeisterte mich besonders und war die Hauptmotivation, die Wettkampfsportlerin in mir zu reaktivieren.
 

Zurück in den Mai dieses Jahres (T minus 7 Tage bis zum Ligastart): Nachdem der Winter ruhig verlaufen war, verlangten Rad- und Ski-Unfälle, kürzliche Covid-Erkrankungen und -Langzeitfolgen in unseren Reihen kurzfristig Umplanungen der Mannschaftsaufstellungen. Aber zum Glück sind wir eine große Gruppe motivierter Mädels, sodass genug Reservistinnen vorhanden sind und dem Saisonstart nichts mehr im Wege stand. Um sich auch mal ohne Badekappe oder Fahrradhelm kennenzulernen, wurde am Montag vor dem ersten Wettkampf noch schnell ein (Corona-konformes) Teamtreffen organisiert. Hier zeigte sich wieder, dass viele von uns ziemlich planlos waren, was die Liga oder Triathlon an sich anging, wir aber jede Menge Spaß zusammen haben. Das ließ die Vorfreunde auf den kommenden Sonntag nur weiter ansteigen. Die Aufstellung für den ersten Wettkampf in Fulda stand nun fest: 50 Prozent der Starterinnen stecken in der finalen Vorbereitung für ihre erste Langdistanz, eine selbsternannte Rad-Legasthenikerin und zwei absolute Triathlon-Rookies. Was sollte also schiefgehen? Von Tag zu Tag fragte ich mich nun mehr, worauf ich mich da eigentlich eingelassen habe und ständig kam mir die Frage eines Kollegen (mit Triathlon-Hintergrund) aus meinem Heimat-Radsportverein in den Sinn.

Noch nie einen Triathlon gemacht und dann gleich Liga?

Ich wusste, ich habe Wettkampfpraxis aus unzähligen Radrennen und für das Laufen stützte ich mich auf die umfangreiche Erfahrung aus der Teilnahme an einem 5km-Benefizlauf vor vier Jahren. Aber mir wurde zunehmend bewusst, dass für mich der Schwimm-Part das kompetitivste Event in einem Schwimmbecken seit dem Seepferdchen beim Kinderschwimmen sein würde. Wenig hilfreich war dabei die Tatsache, dass ich aus zeitlichen Gründen im Winter beim Schwimmtraining eher mit Abwesenheit geglänzt habe. Außerdem befanden sich die Freibäder Anfang Mai in der Umstellung auf den Sommerbetrieb (noch nicht geöffnet oder geschlossen wegen Rückbau der Traglufthalle). So blieb in der ersten Maiwoche also nur das Freibad in Hausen mit seiner 25 Meter-Bahn für panische Kurzschlusshandlungen und den verzweifelten Versuch, zu retten, was noch zu retten ist. Ein weiteres Diskussionsthema war die Sockenfrage. Können bei Radsportler:innen die Socken gar nicht erst lang genug sein (wobei die Maximallänge inzwischen glücklicherweise durch die UCI reguliert wird), verzichten Triathlet:innen auf der Kurzdistanz meist komplett auf diese.

Mit oder ohne Socken?

Die Meinung im Team ging auseinander, ob man mit oder ohne Socken in die Laufschuhe sollte oder sie sogar schon vor dem Radfahren anzieht. Ich war mir sicher, dass ich keine Socken nutzen wollte, aber genauso skeptisch, am Wettkampftag einen ungetesteten Versuch zu wagen. Dabei war mir vollkommen bewusst, dass ein Barfußtest in den Laufschuhen wenige Tage vor dem Wettkampf ein nicht geringfügiges Risiko mit sich bringt, aber man handelt ja nicht immer logisch. Der Test wäre wahrscheinlich auch problemlos verlaufen, wenn man sich nicht spontan von einem Vereinskollegen bequatschen lässt, zehn Kilometer anstatt der geplanten 5 km zu laufen. Es sei vorweggenommen, der Wettkampf wurde durch die Folgen dieser Unbedachtheit geringfügig erschwert. Ein weiteres offenes Thema war der reibungsfreie Ablauf des Wechsels - die vierte Disziplin des Triathlons. Dieser ist bekanntlich gerade auf der Sprintdistanz von höchster Wichtigkeit. Für Radsportler:innen, die im Winter viel Cyclocross fahren, ist das Aufspringen auf ein Fahrrad natürlich Routine. Es will jedoch vor dem ersten Wettkampf zumindest einmal geübt sein, sich die Schuhe dann erst auf dem Rad anzuziehen und vor dem Abspringen wieder auszuziehen. Und das Vertrauen, vor dem Abspringen nur noch mit einem Fuß auf dem bereits ausgezogenen Radschuh zu stehen, musste ich mir auch noch holen. Netterweise durften wir uns dazu sehr kurzfristig am Samstagnachmittag zu einem Last-Minute-Wechseltraining beim Jugendtraining einschleichen. Das verhalf zu einem deutlich sichereren Gefühl für den nächsten Tag.

So ging es nun Sonntag früh im Abteilungs-Sprinter nach Fulda. Auf dem Papier standen wir mit zwei Teams am Start. Für uns spielte es jedoch keine Rolle und die Stimmung in der 8er-Mädels-Gruppe war hervorragend. Schnell waren die Startunterlagen abgeholt und wir begannen die Wechselzonen einzurichten. Wahrscheinlich war es in Fulda von Vorteil, dass es zwei getrennte Wechselzonen (am Freibad und am Fuldaer Dom) gab. So entfiel die Schwierigkeit, beide Wechsel am selben Platz einzurichten. Mein Gehirn lief eher auf Automodus und versuchte sich mit der Tatsache abzufinden, dass es hier nun kein Entkommen mehr gab. An dieser Stelle vielen Dank an meine Teamkolleginnen, denen ich teilweise einfach blöd hinterherlaufen konnte. Am sichersten fühlte ich mich noch beim Fixieren der Startnummer am Nummernband. Denn wenn es eins gibt, was Radsportler:innen können, ist es das aerodynamische Anbringen von Startnummern!

Wettkampftag in Fulda

Die Zeit verging wie im Flug und schnell war es mittags und wir standen im Einteiler und mit unseren Schwimmbrillen in der Hand am Beckenrand. Da auch die mit Triathlonerfahrung im Team bisher eher bei Wettkämpfen in offenen Gewässern am Start waren, war das Hauen und Stechen beim Schwimmen für fast alle von uns ziemlich ungewohnt und der Großteil von uns kam im hinteren Teil des Feldes aus dem Wasser. Der absolut einzige und minimale Kritikpunkt an der perfekt organisierten Veranstaltung der Wasserfreunde Fulda (soweit ich das als Rookie überhaupt beurteilen kann), war die Tatsache, dass die Radstrecke auf einem 2 m breitem Gehweg begann. Hier kam es für mich zur kritischsten Situation des Wettkampfes, als ich die klassische Aufstiegsbalken-Problematik live miterleben durfte. Direkt vor mir liefen drei weitere Teilnehmerinnen und alle blieben direkt hinter dem Balken stehen, um auf ihr Rad aufzusteigen. Ich konnte mich noch gerade so durchschlängeln, war durch die Situation jedoch so unkonzentriert, dass ich das Aufspringen auf mein Rad verpatzte, einen Linksschlenker fuhr und dabei das Geländer streifte, welches glücklicherweise den Gehweg begrenzte. Mir gingen direkt die peinlichen Bilder von fehlgeschlagenen Radaufstiegen durch den Kopf, die mahnenden Worte eines Vereinskollegen, den fliegenden Aufstieg nicht im ersten Wettkampf zu versuchen UND das Versprechen, das ich meiner Mutter gegeben hatte, dass sie sich keine Sorgen machen müsste, da das Sturzrisiko beim Triathlon gegenüber Radrennen quasi nicht vorhanden sei. Etwas unpraktisch, dass ich nun doch mit einer Schürfwunde von meinem ersten Triathlon zurückkehrte. Nachdem ich in die Radschuhe geschlüpft und auf die Hauptstraße abgebogen war, war das Ganze jedoch schnell vergessen.

Die Aufholjagd beginnt

Da die Stärke in unseren Teams eindeutig beim Radfahren liegt, schlug nun unsere Stunde (natürlich brauchten wir nicht so lange für die 20 Kilometer-Radstrecke) und wir begannen das Feld von hinten aufzurollen. Die Radstrecke war gegenüber den Vorjahren stark abgeändert, lobenswerterweise auf komplett gesperrten Straßen, aber unter dem Begriff "wellig" versteht eine Flachland-Exilerin wie ich jedoch etwas anderes. Auch die Laufstrecke hatte es in sich. Hier warteten neben einigen Höhenmetern auch Kopfsteinpflasterpassagen auf uns. Zusätzlich machten sich bei mir die 20 Kilometer im Auflieger mit einer deutlich umgestellten, aber nicht ausgiebig eingefahrenen Sitzposition bemerkbar. Die Tatsache, dass ich mit drei anderen auf Platz 4 liegend vom Rad gekommen war, wusste ich zu der Zeit leider nicht und hätte ansonsten meiner Psyche ganz gutgetan. Dazu verschwendete ich verbleibende Körner, mich zu fragen, wie zum Teufel ich im Winter auf die Idee gekommen war, dass Bergläufe in der Saisonvorbereitung nicht notwendig sein würden. Im Ziel waren wir mit unseren Leistungen dann aber durchweg zufrieden. Alle platzierten sich in der ersten Hälfte des Feldes, was Platz 3 und Platz 5 in der Teamwertung bedeutete - eine super Performance bei unserer Liga-Premiere. Das Fazit der Radsportlerin: Sollte man definitiv noch mal machen (und fällt somit deutlich besser aus als nach meinem ersten Lizenz-Radrennen)!
 

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